Borken, 20. Oktober 2016

Ihr glaubt, auf dem Friedhof ist es langweilig? Von wegen, ihr würdet euch wundern, was ich so alles erlebe! Anbei ein kleiner Einblick – aber am besten besucht ihr mich einfach mal selbst.

Hereinspaziert, nur keine Angst, ich beiße nicht – und auch die zahnbewehrten Geschöpfe innerhalb meiner Mauern beschränken sich auf wenig fruchteinflößende Exemplare wie Eichhörnchen und Katzen, von Vampiren keine Spur.

Ganz ehrlich, diese Horrorfilmsache ging mir Langezeit ganz schön gegen den Strich: Als wären wir Friedhöfe allesamt ungepflegt, pausenlos nebelumwabert und würden ausschließlich von Besuchern zweifelhaften Rufs heimgesucht; dass ich nicht lache! Das Gegenteil ist der Fall, in kaum einer öffentlichen Grünanlage dürfte das Publikum freundlicher und rücksichtsvoller sein, als hier bei uns – genau das ist es ja, was mir an meinem Job als lebendige Kulturstätte so gut gefällt!

Wer zu mir kommt, hegt fast immer liebevolle Gedanken. Natürlich sind die Menschen traurig, wenn sie jemand Nahestehenden verloren haben, manchmal auch wütend oder verzweifelt, weil sie sich einsam und im Stich gelassen fühlen. Aber durch alles blitzt doch in den allermeisten Fällen die tiefe Zuneigung hindurch, die sie mit den Verstorbenen verband. Nicht selten erlebe ich sogar, wie die Liebe zu demselben Menschen und die gemeinsam durchlebte Trauer alte Wunden heilen und Menschen, die sich miteinander überworfen hatten, wieder vereinen. Oder aber sie treffen bei mir andere Besucher, die ein offenes Ohr für ihren Kummer haben, oder mit denen sie sich einfach einmal über das Wetter, den Geburtstag der Enkelin oder andere Alltagsgeschichten austauschen können, das tröstet sie sichtlich und lenkt ab.

Manchmal sind die Kinder oder Enkelkinder auch gleich mit von der Partie – das freut mich immer ganz besonders, denn es kommt noch viel zu selten vor; dabei bin ich doch seit jeher vor allem ein Ort der Lebenden, und Kinderlachen tut schließlich jedem gut. Außerdem zeigen die Kleinsten meist am direktesten, wie gut es ihnen bei mir gefällt. Ist ja auch kein Wunder, hier grünt und blüht es überall, es duftet nach Blüten, man kann prima Bienen, Schmetterlinge und Vögel beobachten, oder sich einfach mal zum Verschnaufen auf eine Bank setzen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Erwachsene genießen das natürlich auch sehr, auch wenn sie ihre Freude mehr für sich behalten – ich kann es aber an ihren Gesichtern sehen, die sich nach und nach entspannen, schließlich habe ich Übung in emotionalen Dingen... Viele besuchen mich sogar regelmäßig, einfach nur, um in Ruhe ein Buch zu lesen, als Auszeit in der Mittagspause oder um sich über wichtige Entscheidungen klar zu werden. Apropos, sogar den einen oder anderen Heiratsantrag habe ich schon erlebt, mal ehrlich, wer hätte das gedacht!

Fast könnte ich also wunschlos glücklich sein, aber klar, ein paar Wünsche hat jeder, selbst ein bescheidener Friedhof wie ich. Dass man mich endlich mit all meinen Facetten wahrnimmt zum Beispiel, statt mich nur als Kostenfaktor zu sehen oder mich mit ollen Klischees in Verbindung zu bringen. Dass mich die Städte und Religionsgemeinschaften stärker als interkulturellen Treffpunkt nutzen – selten sind sich Menschen so ähnlich und so nahe wie in ihrer Trauer und ihrer Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Vor allem aber wünsche ich mir viel mehr Besuch: Kommt doch einfach mal vorbei, meine Tore stehen allen weit offen – nur Vampire müssen draußen bleiben.

 

vffk 20161020 bild01

Ein Friedhof kann nicht nur für Menschen ein Rückzugsort sein, auch viele Tiere finden hier ihren Lebensraum. Foto: VFFK

 

Hier erhalten Sie die Pressemitteilung als PDF-Datei zum Download.
Hier erhalten Sie das zugehörige JPG-Bild zum Download.